Der Weltfrauentag

Der Weltfrauentag wird jedes Jahr weltweit am 8. März begangen. An diesem Tag sollen die Leistungen und Erfolge aller Frauen gewürdigt und gleichzeitig auf die weiterhin bestehende Problematik der Geschlechterungerechtigkeit aufmerksam gemacht werden. Vom Verlust des Arbeitsplatzes bis hin zu häuslicher Gewalt hat die Coronakrise die Benachteiligung der Frauen zusätzlich verschärft – demnach ist der Weltfrauentag dieses Jahr vielleicht bedeutender denn je.

Erstmals wurde der Frauentag in den USA im Jahre 1909 abgehalten – am ersten Jahrestag der Proteste in New York City, bei denen Frauen gegen schlechte Arbeitsbedingungen, ungleiche Bezahlung und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz aufbegehrten. Dank des Einsatzes der sozialistischen, deutschen Aktivistin Clara Zetkin entstand daraus im Jahr 1910 eine internationale Bewegung für das Frauenwahlrecht. Die Nachricht darüber wurde in ganz Europa laut, wobei die berüchtigtste Demonstration 1917 in Russland stattfand, als sich das Land inmitten großer politischer Unruhen befand. Dort gingen Arbeiterinnen am 23. Februar – nach dem damals in Russland verwendeten Kalender der 8. Februar – gemeinsam auf die Straße, um Nahrungsmittel und bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Die Streiks gewannen immer mehr Auftrieb, sodass auch männliche Arbeiter und Soldaten sich beteiligten und letztlich ganz Russland zum Stillstand kam.

Im vergangenen Jahrhundert konnten bei der Gleichstellung der Geschlechter große Fortschritte erzielt werden. In den meisten Ländern haben Frauen inzwischen das Wahlrecht, besitzen Eigentum zu denselben Bedingungen wie Männer und haben Anspruch auf denselben Lohn – davon waren die Arbeiterinnen bei ihrem ersten Streik im Jahre 1917 noch weit entfernt. Der Weltfrauentag ist die ideale Gelegenheit, um diese beachtlichen Fortschritte zu würdigen.

Der Kampf um Gleichberechtigung geht jedoch weiter. Frauen verdienen oft immer noch weniger als Männer in derselben Position, haben ein höheres Risiko, Opfer sexueller und häuslicher Gewalt oder nach der Pensionierung obdachlos zu werden. Besonders groß ist diese Kluft in Entwicklungsländern. In Ländern des Globalen Südens stehen die Menschen in erster Linie grundlegenderen Probleme wie den gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung und Grundschulbildung gegenüber. 64 Millionen Mädchen arbeiten heute noch in Kinderarbeit, in 40 % der Länder weltweit haben Mädchen schlechtere Bildungsmöglichkeiten und Frauen zwischen 25 und 34 Jahren haben eine 25 % höhere Wahrscheinlichkeit als Männer, in extremer Armut leben zu müssen.

Das diesjährige Motto des Weltfrauentags lautet #ChooseToChallenge. Es wird immer wieder deutlich, dass die Gleichstellung der Geschlechter auf dem gesamten Erdball auch heute noch ein bestehendes Problem ist. Jeder Einzelne von uns hat die Möglichkeit, sich durch seine alltäglichen Handlungen für Gleichberechtigung einzusetzen. Nachfolgend einige Schritte, durch die sich Männer und Frauen gleichermaßen gegen die bestehenden Geschlechterrollen stark machen können.

 

  1. Hausarbeit teilen

Wenn es um Aufgaben im Haushalt geht, leisten Frauen im Durchschnitt immer noch 40 % mehr als Männer. Da aber auch immer mehr Frauen berufstätig sind, bedeutet das, dass sie neben ihrer Arbeit trotzdem weiterhin für den Großteil der Aufgaben im Haushalt verantwortlich sind. Die Zeit und Energie, die Frauen in die Hausarbeit investieren, hält sie davon ab, ihre wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Das Amt für Nationale Statistik des Vereinigten Königreichs fand heraus, dass Frauen durchschnittlich 259 britische Pfund (umgerechnet ca. 300 Euro) pro Woche verdienen würden, wenn diese unbezahlte Arbeit vergütet würde!

An alle Ehemänner, Söhne und Brüder: Indem ihr die eine oder andere Aufgabe im Haushalt übernehmt, sorgt ihr nicht nur für ein liebevolleres und gleichberechtigteres Miteinander, sondern leistet auch euren Beitrag, um festgefahrene Geschlechterrollen im Alltag zu durchbrechen.

  1. Bücher und Filme zum Thema konsumieren und weiterempfehlen

 „Wir müssen eine Welt erschaffen, in der Frauen dieselben Chancen haben wie Männer, Entscheidungsträger zu sein. Wir müssen eine Welt erschaffen, in der es völlig normal ist, Filme anzusehen, die von Frauen geschrieben, inszeniert und produziert wurden.“ – Chimamanda Ngozi Adichie

Hinterfrage deine Auffassung des Frauseins, indem du ein Buch oder einen Film wählst, der von einer Frau geschrieben wurde. Kulturelle Medien können extrem ausdrucksstark sein und ermöglichen Frauen, ihre eigenen Erfahrungen zu vermitteln und weiblichen Stimmen Gehör zu verschaffen. Obwohl jedoch die gleiche Anzahl an Männern und Frauen ihren Abschluss an Filmakademien absolvieren, so sind Frauen in leitenden kreativen Positionen deutlich unterrepräsentiert – nur bei einem von fünf Filmen führt eine Frau Regie und lediglich 16 % der Fördermittel gehen an Filme, bei denen Frauen Regie führen.

Männer stellen weibliche Charaktere meist sehr eindimensional oder stark sexualisiert dar. Der beste Weg, dagegen vorzugehen, ist, von Frauen produzierte Medien zu konsumieren. Wir haben eine Übersicht mit 12 feministischen Büchern für dich, um dir den Einstieg zu erleichtern!

  1. Männer miteinbeziehen

Die Gleichstellung der Geschlechter dreht sich nicht allein um Frauen. Obwohl Frauen aufgrund ihres Geschlechts seit langer Zeit ausgegrenzt und diskriminiert werden, geht es bei Feminismus auch darum, zu definieren, was Männlichkeit bedeutet. Schon von klein auf sollten Jungs lernen, Frauen zu respektieren, zwischen Einwilligung und Ablehnung zu unterscheiden, aber auch, dass es in Ordnung ist, seine Verletzlichkeit zu zeigen. Sie sollten erfahren, dass sie ihre Gefühle frei zeigen können, dass sie werden können, wer sie sein möchten, sich kleiden können, wie sie wollen, und dass auch sie die Möglichkeit haben, der Geschlechtertrennung zu entkommen.

Eine gleichberechtigte Welt wird uns allen zugute kommen. Deshalb sollten wir uns auch gemeinsam dafür einsetzen!

  1. Verantwortungsvoll kaufen

Etwa 80 % aller Textilarbeiter sind Frauen, was der Geschlechterdiskriminierung in der Branche zu verdanken ist. In den Fabriken ist geschlechtsspezifische Gewalt keine Seltenheit, es gibt kaum Gesundheits- oder Sicherheitsmaßnahmen, und obwohl die Modebranche weltweit jährlich 1,4 Billionen Euro umsetzt, erhalten die Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie lediglich einen Hungerlohn.

Viele Marken richten ihre Werbebotschaften zum Weltfrauentag an die weiblichen Konsumenten, die dazu aufgefordert werden, sich selbst mit neuer Kleidung oder Schmuck zu verwöhnen. Es lohnt sich, erst einmal zu prüfen, ob die Marke selbst ihre weiblichen Mitarbeiterinnen dementsprechend gut behandelt! Mit etwas Recherche, um herauszufinden, ob das jeweilige Unternehmen Richtlinien zum Schutz ihrer Mitarbeiter einhält und ihnen einen fairen Lohn zahlt, bist du auf dem richtigen Weg zu ethischeren Kaufentscheidungen.

  1. Intersektionalität anerkennen

Kimberlé Crenshaw, die den Begriff der „Intersektionalität“ geprägt hat, erklärt, dass „nicht alle Ungleichheiten gleich sind“. Manche Menschen sind mehreren Ungleichheiten verschiedener Art ausgesetzt, die auf Geschlecht, Rasse, Klasse, Sexualität, Migrantenstatus usw. beruhen.

Das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen zu berücksichtigen bedeutet, den historischen Kontext einer Problematik anzuerkennen, in dem bestimmte Ungleichheiten tief verwurzelt sind. Wenn wir über das Frauenwahlrecht sprechen, sollten wir beispielsweise auch berücksichtigen, dass indigene Frauen in Kanada erst 53 Jahre nach den ersten weißen Frauen das Wahlrecht erhielten. Um noch einen Schritt weiterzugehen: Indem wir uns mit den Erfahrungen anderer Frauen auseinandersetzen und sie weiterverbreiten, tragen wir dazu bei, die Auslöschung und Unterdrückung anderer Gemeinschaften nicht weiter voranzutreiben.

Frauen erleben Sexismus nicht in einer isolierten Form allein aufgrund ihrer Hautfarbe, einer Behinderung oder weil sie Teil der LGBTQ-Community sind. Gemäß dem Motto #ChooseToChallenge setzen wir uns gegen jede Form der Diskriminierung ein, um eine bessere Welt für alle zu schaffen.

Um die amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde zu zitieren: „Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich.“

 

Quellen

https://www.theguardian.com/world-vision-stand-with-girls/ng-interactive/2019/sep/03/tackling-the-cycle-of-inequality-of-girls-in-the-developing-world

https://www.un.org/en/un75/women_girls_closing_gender_gap

https://www.ons.gov.uk/employmentandlabourmarket/peopleinwork/earningsandworkinghours/articles/womenshouldertheresponsibilityofunpaidwork/2016-11-10

https://en.unesco.org/creativity/news/mind-gap-gender-equality-film-industry

https://labourbehindthelabel.org/the-women-who-make-your-clothes/

https://www.cbc.ca/strombo/news/women-the-right-to-vote-in-canada-an-important-clarification.html

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